der mensch ist der bruder des menschen!

Wer heute sein Ideal gefunden hat, ist wie Lots Weib bereits zur Salzsäule erstarrt, ist bereits in die Erde gesunken und bewegt sich nicht mehr vorwärts. Nur von Häretikern wird die Welt am Leben erhalten: dem Häretiker Christus, dem Häretiker Kopernikus, dem Häretiker Tolstoi. Das Symbol unseres Glaubens ist die Häresie: Morgen ist unausweichlich eine Häresie für das Heute, das zur Salzsäule erstarrt, und für das Gestern, das zu Staub zerfallen ist. Das Heute leugnet das Gestern, aber wird Morgen dieses Leugnen leugnen. Das ist die beständige dialektische Bewegung, die die Welt in einer großartigen Parabel ins Unendliche treibt. Gestern, die These, heute, die Antithese, und morgen, die Synthese. Gestern gab es den Zar, und es gab Sklaven; heute gibt es keinen Zar mehr, aber die Sklaven sind geblieben; morgen wird es nur noch Zaren geben. Wir marschieren im Namen des freien Menschen von morgen- des königlichen Menschen. Wir haben eine Epoche der Unterdrückung der Massen durchlebt; nun leben wir in einer Epoche der Unterdrückung des Individuums im Namen der Massen; das Morgen wird die Befreiung des Individuums bringen- im Namen des Menschen. Kriege- imperialistische Kriege und Bürgerkriege- haben den Menschen zu Kriegsmaterial gemacht, zu einer Nummer, einer Ziffer. Der Mensch ist um des Sabbats willen vergessen worden. Wir wollen an etwas anderes erinnern: daran, dass der Sabbat für den Menschen da ist. Die einzige Waffe, die des Menschen – des Menschen von morgen- würdig ist, ist das Wort. Mit dem Wort hat die russische Intelligenzia, die russische Literatur, jahrzehnte lang für das große menschliche Morgen gekämpft. Und heute ist es an der Zeit, diese Waffe erneut zu erheben. Der Mensch stirbt. Der stolze homo erektus lässt sich auf alle Viere fallen; es wachsen ihm Klauen und Pelz; die Bestie gewinnt die Oberhand im Menschen. Das grausame Mittelalter kennt zurück, der Wert des menschlichen Lebens fällt jäh ab; eine neue Welle europäischer Pogrome wälzt sich heran. Es ist unmöglich, länger zu schweigen. Es ist Zeit aufzuschreien: der Mensch ist der Bruder des Menschen.

[jewgeni samjatin in „a sovjet heretic, essays“ zitiert nach tintenfass nr.11]

0 Kommentare

Der URI für den TrackBack dieses Eintrags lautet: http://uglyplant.blogsport.de/2006/02/05/der-mensch-ist-der-bruder-des-menschen/trackback/

Keine Kommentare bis jetzt.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag.

Kommentar hinterlassen

Leider ist der Kommentarbereich dieses Mal geschlossen.