„Gehe ich als Knabe rein und komme ich raus, weiß ich viel, vielleicht zuviel für ein Leben“

Wo rein kommt man als Knabe und hat schon fünf Jahre später, wenn man wieder „raus“ kommt, graue Haare? Es wird ihm bei seiner Ankunft als „ein deutsches Konzentrationslager“ vorgestellt, der Name des Lagers: Auschwitz. Stanislaw Hantz ist bei der Ankunft im Lager am 15.8.1940 grade 17 Jahre alt. Für mehr als fünf Jahre wird er gefangen bleiben, bis er am 29.4.1945 von amerikanischen Truppen im Konzentrationslager Dachau befreit wird. Er wird verhaftet, weil er den gleichen Namen wie sein Vater trägt. Sein Vater war, 79-jährig, bereits im Oktober 1939 wegen „sozialistischer Ideen“ verhaftet worden und im Dezember 1939 kurz nach seiner Haftentlassung verstorben. Als er erneut verhaftet werden soll und die Nazis ihn nicht mehr vorfinden, nehmen sie kurzer Hand den Sohn mit.
„Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz“ erzählt Karin Graf in dem Buch „Zitronen aus Kanada“. Sie lässt vor allem Stanislaw selbst immer wieder zu Wort kommen, erzählt die Geschichten des Lageralltags in Auschwitz und von den Zufällen, die dazu führten, dass Stanislaw fünf Jahre Auschwitz, 53 Tage „Bunkerhaft“ im Todesblock und den Todesmarsch nach Dachau überlebte. Wenn Stanislaw erzählt, wie er lange nach dem Krieg in einem Hotel am Bahnhof von Oswiecim, in der Nähe von Auschwitz, übernachtete und nicht schlafen konnte, „weil Rampe von Birkenau ist so nah und muß ich aufpassen, ob da Menschen, Juden, drinne sind in Waggon- oder Kohle“ oder wenn er auf die Frage der Autorin, ob er Goldzähne hätte, nur lachend antwortet „nicht ein Gramm, weil da lebe ich nicht lange“ und auf den Einwand sein Metallzahnersatz sei doch erst nach 1945 eingesetzt wurden, nur erwidert „habe ich Silber, ist auch gefährlich“, wird klar wie sehr Auschwitz noch immer Teil seines Lebens ist. Bei einem „Besuch“ der Gedenkstätte sagt er: „Ich bin kein Besucher, ich wohne hier noch – ein bisschen“.

Schon im März 1946 kehrt Stanislaw zurück nach Auschwitz um dort am Aufbau des Museums zu helfen. Authentisch sollen das Museum und die Darstellung des Lebens in Auschwitz sein, damit ein Eindruck von dem entstehen kann, das sich doch gegen jedes Begreifen und Erfassen verschließt: Auschwitz. Das Buch bewegt sich eindrucksvoll in diesem Spannungsfeld und ermöglicht so eine leichte Ahnung der mörderischen Willkür des Lageralltags.

Karin Graf „Zitronen aus Kanada- Das Leben des Stanislaw Hantz“; Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz- Birkenau, Oswiecim/Polen 1998; Das Buch kostet etwa 12 Euro und kann z.B. beim Stanislaw Hantz Bildungswerk e.V. unter http://www.bildungswerk-ks.de/ bestellt werden.

Hört auf zu lernen, fangt an zu begreifen!

Die überwältigende Mehrheit von uns drückt die Schulbank oder kam zumindest irgendwann in seinem Leben in diesen (manchmal etwas zweifelhaften) Genuss. Was man dort tut und tun soll, darüber besteht ein breiter Konsens: etwas lernen. Einige ganz besonders Ausgefuchste behaupten für das Leben, die noch Wagemutigeren für uns selbst. Wer die Schulbank allerdings drückt und nicht voll daneben ist, der oder die kann sich ein gewisses Schmunzeln ob solcher Phrasen nicht verkneifen, denn sie sind die besten Witze die im einschläfernden Schulalltag zu bekommen sind. Übrigens: Auch Schulkritiker gehören zu den ungewollten Komikern unserer Zeit. Nicht wenige dieser Zunft klagen nämlich darüber, dass die Schule uneffektiv wäre oder aufs Leben nicht vorbereite. Als ob irgendetwas einen gesunden Menschen auf acht, oder noch mehr, dumpfe und oft unsinnige Stunden Arbeit vorbereiten könnte. Oder darauf vorbereiten das Wochenende und Urlaub inklusive sex, drugs and rock and roll, den letzten großen Glücksversprechen, die der Kapitalismus noch zu bieten hat, doch nur soviel Erholung bedeutet, dass man sich Montag Morgen um fünf wieder aus dem Bett quälen kann und nicht unmittelbar den Wunsch danach verspürt aus dem Fenster zu springen oder Wecker und Wohnung zu demolieren. Die Schule lässt sich nicht gegen ihr Ideal ausspielen, gegen den Traum einer schöneren, tolleren und spannenderen Schule. Sie ist ein Kleinstmodell dieser Gesellschaft und eine Mischung Urlaub im Wartezimmer und profilaktischem Zahnarztbesuch. Sie bereitet langsam vor, damit das Leben des Erwachsenen nicht wie der Sprung ins Kalte Wasser anmutet, gleichzeitig macht sie Verwertbar. Schafft lauter kleine Bauarbeiterinnen, Lehrer, Soldatinnen, Bürokraten, Chefinnen und arbeitsgeile Arbeitslose; in einer Gesellschaft in der kreative und selbstständige Arbeitskräfte benötigt werden, spuckt sie lauter super kreative Kerls und Mädels aus, und redet dabei ernsthaft von „Persönlichkeiten und Individuen“; kurz: sie setzt Himmel und Hölle, Kreide und Tafel in Bewegung damit die ganze Scheiße niemals aufhört. Wenn die Lehrer, Politiker und Pädagogen davon sprechen die Schule müssen fürs Leben qualifizieren und dazu führen, dass der Schüler bzw. die Schülerin sich im Leben behaupten könne ist das Gegenteil der Fall. Die menschliche Qualifikation der Schule besteht in der Fähigkeit ihrer Absolventen an der Wirklichkeit nicht verrückt zu werden, die Fähigkeit sich zu behaupten ist die Fähigkeit, sich so gut anzupassen, dass man weder davon bedroht ist ausgeschlossen zu werden, noch davon hinten runter zu fallen. Letzteres allerdings gilt nur dann als ärgerlich, wenn es angeblich auf Kosten aller geschieht. Deswegen geht es im Sozialwissenschafts-Unterricht auch nicht darum wie grauenvoll es ist zu arbeiten (Menschen die arbeiten müssen sterben früher, sind öfter krank und haben vermehrt psychische Probleme), und auch nicht primär darum, wie diese Gesellschaft einem das Leben zur Hölle macht, wenn es Mann oder Frau nicht gelingt seine bzw. ihre Arbeitskraft auf dem Markt loszuwerden; sondern um die doppelten Kosten der Arbeitslosigkeit für die Gemeinschaft und darum wie toll doch Arbeit ist.
Niemand spricht sich gegen das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens aus, selbst das Erlernen von Fremdsprachen, Naturwissenschaften und – für jene die ins Gymnasium sortiert wurden- das Erlernen der Grundlagen der Philosophie sind nicht zu verachten, teils sogar unverzichtbar. Nicht das kritisches Denken und Schule unvereinbar wären, sie bedingen sich sogar ein stückweit: die Schule vermittelt eben die Grundlagen durch die kritisches Denken erst möglich wird und ist gleichzeitig darauf ausgelegt das Begreifen und Durchdringen der Dinge, hinter dem Sammeln von zusammenhangslosen Informationen über sie zurückzustellen. Das bloße Sammeln von Wissen ist jedoch schon genauso sträflich wie sein Einsatz fürs Falsche, seine Neutralität verbietet sich in anbetracht des Zustandes in dem sich die Welt befindet.
Gegen das Alte müsste sich ein neues Lernen durchsetzten, das „nirgends bloß auf die Vermehrung des Wissens als solchen ab(zielt), sondern auf die Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen.“ (Horkheimer). Das Lernen in der Schule, das bloße Verwertbarmachung für Markt und Gesellschaft (Qualifikation und Personalisation), die Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Verhältnisse (Integration) und die Sicherung von Konkurrenzvorteilen bzw. Hierarchisierung (Selektion); müssen ersetzt werden durch ein Lernen das auf Begreifen der Gesellschaft und der eigenen Stellung in ihr zielt. Dieses Begreifen allerdings wäre gleichbedeutend mit der Einsicht in die Notwendigkeit, die herrschenden Verhältnisse „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ umzuwerfen.

…ach, damals…

Eine Kritik des Buddhismus ist nicht zugleich eine Kritik am Christentum, eine christlich motivierte Kritik des Judaismus bleibt Antisemitismus und der Vorwurf des Eurozentrismus hat sich bisher noch bei jeder abendländischen Kritik am Islamismus bestätigt. Solche Kritiken sind nur der Versuch, die eine schlechte Identität gegen die andere, mindestens genauso fragwürdige auszutauschen.

[manfred dahlmann „theorie oder kritik? eine erkenntniskrtische anmerkung“ in kritik und krise nr. 4/5]

auf geht’s, grade im supermarkt

die päckchen werden gepackt
den täglichen ekel zu frühstück, kaffee und festlichem anlass gibt es jetzt, passend zu weihnachten bei uns im supermarkt. auf einer weißen serviette prängert eine deutschland fahne, darunter das leidmotiv „auf geht’s“. da kommt weihnachtliche stimmung auf und volksgenosse und volkgenossin freuen sich schonmal auf das hakenkreuz für den weihnachtsbaum.

…treffen sich zwei deutsche…

freitag abend im mcdonalds, am nachbartisch unterhalten sich angeregt zwei jugendliche deutsche. zu hören war ungefähr folgendes:

deutsche a: was hälst denn von der xy?
deutsche b:joa, geht so. die ist ja polin. also nichts das ich was gegen die hab, aber die ham ja ne ganz andre mentalität.
deutsche a: ja stimmt, ich mein. die will einfach immer im mittelpunkt stehen.
deutsche b: ne, ich steh ja auch mal gern im mittelpunkt. das problem ist einfach: die könnte nie eine mitläuferin sein. die muss immer was eigenes machen.
deutsche a ja. das ist wohl die russische erziehung.

die worte polin, mentalität, mitläuferin und russische erziehung sind übringens so wirklich gefallen und keinesfall meinem parteiischen hirn ensprungen und dsa ganze, auch wenn es den eindruck eines schlechten witzes erweckt, traurige realität.