„Wir haben gemotzt“(Jean Jülich, Edelweißpirat)

„So, ich erzähl jetzt was, was ich eigentlich nie einem erzählen wollte, es wollte ja sowieso auch keiner hören. Aber da ich wohl bald tot bin, sage ich das, was ich zu sagen habe, und die nach mir kommen, können damit machen, was sie wollen“

Mit diesen Worten beginnt der Film „Edelweißpiraten“ von Niko und Kiki von Glasow. Er redet nicht schön, ist kein Heldenepos und schont auch den Zuschauer nicht. Er ist „ungeschminkt“. Dabei ist der Film keine Dokumentation, die detailgenau Fakten wiedergibt, sondern erzählt eine ‚erfundene’, aber wahre Geschichte.
Es ist Geschichte des 17-Jähringen Karl [Ivan Stebunov] und seiner Freunde. Und die Geschichte von Cilly [Anna Thalbach] und dem „Bomben Hans“, eigentlich Hans Steinbrück [Bela B.].
Karl und seine Freunde sind Edelweißpiraten. Auf die HJ, zu marschieren und braune Lieder zu singen haben sie „keinen Bock“; sie gehen lieber selber ‚auf Fahrt’, singen ihre eigenen Lieder und auch Mädchen sind gleichberechtigt mit von der Partie. Für die HJ’ler haben sie höchstens ‚Kloppe’ übrig.
Ernst wird es, als sie den KZ Häftling „Bomben Hans“ halb tot finden und ihn bei ‚der Cilly’ unterbringen. Der besorgt Waffen und Sprengstoff, will sich nicht nur gegen die Nazis wehren sondern angreifen und die Ehrenfelder Edelweißpiraten machen mit. Nur Karl hat auf so einen „Quatsch“ keine Lust. Ab nun werden in Cillys Keller Schießübungen veranstaltet, an denen auch Karls Bruder Peter, der anfangs so überzeugt für die HJ eintritt, teilnimmt. Das ist der Anfang vom Ende.
Der Widerstand der Edelweißpiraten ist das proletarische Gegenstück zur Weißen Rose und zeigt, dass es nicht unmöglich war, sich den Nazis zu entziehen und ihnen Widerstand zu leisten. Doch kein „auf hoher ethischer Gesinnung basierender Widerstand“ sei er gewesen, stellt ein Gutachten 1988 fest. Und es stimmt, die Edelweißpiraten waren keine Bürgerlichen, die ihre „höhere ethische Gesinnung“ zur Schau trugen und deren überwiegende Mehrheit während des Nationalsozialismus niemals Widerstand leistete. Sie kamen aus der Arbeiterklasse, waren 15 und 16 und hatten keine hochtrabenden ethischen Vorstellungen und politischen Theorien parat, auch keine höheren Ziele, die sie anstrebten, sondern hatten, im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit, auch der Arbeiter und Arbeiterkinder, keine Lust, strammzustehen und den „Driss“ der HJ zu singen. Wo alle mitgesungen und mitgemacht haben, haben sie sich bewusst verweigert und gemotzt.

…wie rauch ins nichts verfließt…

Tragik
Das ist das Schwerste: sich verschenken
und wissen, daß man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.

[selma meerbaum-eisinger]

lieber krankfeiern als gesund schuften.

DIE VERLORENE ZEIT
vor dem tor zur fabrik
hält der arbeiter plötzlich an
das schöne Wetter hat ihn am rock gezupft
und als er sich umwendet
die sonne betrachtet
die rot leuchtet und beendet
lächelt im bleigrauen himmel
zwinkert er ihr vertraulich zu
sag kamerad sonne
meinst du nicht auch
man sollte verdammt bedenken
einen solchen tag
dem chef zu schenken
[Jacques Prevert]

wie es aussieht ist unter krankfeiern.org eine art überarbeitete „lieber krank feiern, als gesund schuften“ (pdf) broschüre im netz. wieviele unterschiede es gibt weiss ich (noch) nicht genau, aber krankenschein z.B. wurde schonmal durch „chipkarte“ ersetzt ;)

via flaschenpost

…mumifizierten linksradikale…

in einer epoche, die ihre zukunft derart ernüchtert betrachtet, würde revolutionärer prophetismus verzweifelt hohl klingen; im übringen hat außer mumifizierten linksradikalen niemand mehr lust, weissagungen über die großartigen perspektiven zu machen, die sich uns eröffnen, aus dem einfachen grund, weil sie alles andere sind als großartig. der prohetismus mit seinem orakelnden ton wissenschaftlicher unfehlbarkeit ist schon immer die schwächste seite der sozialen kritik gewesen.

[encyclopedie des nuisances „bemerkungen über die lähmung vom dezember 1995″ in bahamas 22/1997]

…praxis war der reflex von lebensnot; das entstellt sie noch, wo sie die lebensnot abschaffen will…

Praxis ist entstanden aus der Arbeit. Zu ihrem Begriff gelangte sie, als Arbeit nicht länger bloß das Leben direkt reproduzieren sondern dessen Bedingungen produzieren wollte: das stieß zusammen mit den nun einmal vorhandenen Bedingungen. Ihre Abkunft von Arbeit lastet schwer auf aller Praxis. Bis heute begleitet sie das Moment von Unfreiheit, das sie mitschleppte: daß man einst wider das Lustprinzip agieren mußte um der Selbsterhaltung willen; obwohl doch die auf ein Minimum reduzierte Arbeit nicht länger mit Verzicht gekoppelt zu sein brauchte. Auch daß die Sehnsucht nach Freiheit der Aversion gegen Praxis eng verwandt ist, verdrängt der gegenwärtige Aktionismus. Praxis war der Reflex von Lebensnot; das entstellt sie noch, wo sie die Lebensnot abschaffen will.

[adorno „marginalien zu theorie und praxis“ online hier]]